Zwei Kollegen führen ein offenes Feedbackgespräch an einem kleinen Tisch mit Notizbuch und Kaffee

Das erste kritische Feedbackgespräch verschieben die meisten neuen Führungskräfte mindestens einmal. Verständlich, denn niemand übernimmt eine Teamleitung, um Kollegen unangenehme Wahrheiten zu sagen. Nur: Aufgeschobenes Feedback wird nicht freundlicher, es wird älter und damit angreifbarer.

Wie groß die Lücke ist, zeigt der Gallup Engagement Index Deutschland: 2024 fühlten sich nur noch 9 Prozent der Beschäftigten emotional hoch an ihren Arbeitgeber gebunden, 78 Prozent machen Dienst nach Vorschrift. Und nur 34 Prozent hatten in den letzten drei Monaten ein Gespräch mit ihrer Führungskraft über die eigenen Stärken. Feedback ist damit kein Soft Skill, sondern der größte ungenutzte Hebel im Führungsalltag. Wer sich dem Thema grundsätzlicher nähern will, findet in unserem Beitrag über mentales Coaching das passende Fundament.

Vor dem Gespräch: Drei Fragen an dich selbst

  • Was genau habe ich beobachtet? Nicht was ich vermute, interpretiere oder von Dritten gehört habe.
  • Welches Verhalten soll sich ändern? Wenn du das nicht in einem Satz sagen kannst, ist das Gespräch noch nicht reif.
  • Was ist mein Anteil? Unklare Aufträge, fehlende Prioritäten und widersprüchliche Erwartungen sind Führungsfehler, keine Mitarbeiterfehler.

Die SBI-Methode als Gerüst

Das Center for Creative Leadership hat mit SBI ein Format entwickelt, das sich gerade für Ungeübte bewährt: Situation, Behavior, Impact. Erst der konkrete Kontext ("Im Kundentermin am Dienstag"), dann das beobachtbare Verhalten ("hast du die Einwände des Kunden dreimal unterbrochen"), dann die Wirkung ("der Kunde ist danach sichtbar ausgestiegen, und wir haben den Folgetermin nicht bekommen").

Der Wert des Formats liegt in dem, was es verhindert: Pauschalurteile ("Du bist unprofessionell"), Küchenpsychologie ("Du willst dich wohl profilieren") und den beliebten Sandwich-Aufbau, bei dem die Kritik zwischen zwei Nettigkeiten so weich verpackt wird, dass sie nicht mehr ankommt.

Im Gespräch: Halte die Stille aus

Nach dem SBI-Teil kommt der Moment, den Ungeübte am häufigsten verpatzen: Sie reden weiter. Sie relativieren, entschuldigen sich, schieben ein Kompliment nach. Damit nehmen sie dem Gegenüber die Chance zu reagieren. Besser: Punkt setzen, schweigen, zuhören. Die Reaktion darf emotional sein, das ist kein Scheitern des Gesprächs, sondern ein Zeichen, dass die Botschaft angekommen ist.

Danach gehört die Zukunft in den Mittelpunkt: Was braucht es, damit sich das ändert? Vereinbart konkrete nächste Schritte und einen Termin, an dem ihr darauf zurückschaut. Feedback ohne Follow-up ist nur ein Ventil für die Führungskraft.

Der häufigste Fehler: zu selten, zu groß

Wer Feedback nur im Jahresgespräch gibt, sammelt zwölf Monate Material und entlädt es in einer Sitzung. Das überfordert beide Seiten. Die Alternative ist unspektakulär: kurze, zeitnahe Rückmeldungen von fünf Minuten, positive ausdrücklich eingeschlossen. Gallup zufolge sind Beschäftigte, deren Talente gezielt gefördert werden, bis zu achtmal stärker emotional gebunden. Lob ist also keine Kür, sondern der Teil des Feedbacks mit dem größten Hebel.

Fazit: Klarheit ist die freundlichere Form von Respekt

Schwierige Gespräche werden nicht dadurch leichter, dass man sie weicher macht, sondern dadurch, dass man sie sauber vorbereitet und regelmäßig führt. Nimm dir für das nächste kritische Feedback das SBI-Gerüst, eine einzige klare Verhaltensbeobachtung und den Mut zur Pause nach dem letzten Satz. Mehr Technik braucht es am Anfang nicht.

By Elmar